Epilog

(Kurzfilm)



Produktion Griebe/Tykwer (Black Out Films)



Inhalt

"Epilog" beginnt mit dem verzerrten Gesicht einer Frau, in Zeitlupe gefilmt und durch Doppelbelichtung zusätzlich verfremdet. Zunächst ist nicht klar, ob Angst, Wut oder Verzweiflung ihre Züge entstellen – oder ob es sogar der subjektiven Blick eines Mannes ist, vor dessen Augen sie sich gerade in ein Monster verwandelt. Das Bild steht nur für eine Moment, das Gefühl der Beunruhigung aber wird durch ein Orchester weiter verstärkt, welches nun drohend und dissonant auf dem Soundtrack zu hören ist. Wer Tom Tykwers ersten Kurzfilm "Because" gesehen hat, wird auch das Gesicht der Frau wiedererkennen: Es gehört Isis Krüger, die in beiden Filmen spielt.

Story

Das nächste Bild wirft uns mitten hinein in eine Situation emotionaler Hochspannung. Blut fliest bereits, aber noch ist es nur Nasenbluten. Die Kamera stürzt auf die Frau zu, der Gegenschuss zeigt nun auch ihren Widerpart: Ein bärtiger Mann, der ernst, beinah flehend blickt, eine deutsche Version von Harry Dean Stanton. Dann beginnt eine 540-Grad-Kreisfahrt um die beiden herum. Die Frau schreit: "Hau ab! Verpiss dich!" Ihre Entschlossenheit lässt den Mann auf dem Bett zusammensacken, und erstmals haben wir Gelegenheit, den Raum zu betrachten. Auch er erinnert an "Because", mit leuchten Rottönen und einer harten, theaterhaften Ausleuchtung. Die Musik hat nun ihr Schreckensthema gefunden, Synthesizer über langsam anschwellenden Basstönen – hier spürt man zum ersten Mal, dass Tykwer sich das Kino als Fan des Horrorfilms erobert hat: Die Klassiker des Genres beeinflussen ihn auch als Komponisten.

Zu diesen Klängen greift der Mann nun in die Nachttischschublade, holt einen Revolver hervor und schießt die Frau in die Brust. Oder doch nicht? Von sehr hoch oben schraubt sich ein Kamerafahrt direkt in sein Gesicht, während seine innere Stimme die neue Realität einerseits noch nicht glauben kann, andererseits aber schon die Schuldige identifiziert: Die Frau hat alles kaputtgemacht.

Nun geht es in der Zeit ein Stück zurück. Die Frau, wieder lebendig, spricht im Vordergrund ins Telefon, während der Mann hinter ihr das Zimmer betritt. Ohne dass uns etwas darauf vorbereitet hätte, bewegt sich plötzlich der Sessel wie von Geisterhand durchs Zimmer, genau so, dass der Mann sich setzen kann. Auch andere Gegenstände werden später diesem Animismus verfallen – ein weiteres Zeichen für die somnambule Stimmung, die "Epilog" vorherrscht. Sehr realistisch hingegen klingt der Dialog im Vordergrund. Die Frau spricht, ohne die Gegenwart des Mannes zu bemerken – offensichtlich mit einem neuen Liebhaber. Sie sagt schreckliche Dinge über den heimlichen Lauscher, Dinge, die einen Mann wirklich in den Wahnsinn treiben können – die man aber dennoch eben so sagt, wenn die Liebe erloschen ist. Der Art des Mannes, sich schließlich bemerkbar zu machen, ist beinah komisch: Er wickelt, laut knisternd, eines Hustenbonbons, die sie so hasst, aus dem Papier und schieb es in den Mund.

Dann sehen wir die Szene ihrer Konfrontation noch einmal, diesmal in einer verlängerten Fassung. Alles scheint gleich zu verlaufen, bis auf den Moment, in dem der Betrogene erneut in die Nachtischschublade greift: Da wird alles wieder ganz anderes – und auf den Mann, der in dieser Minute zum Mörder werden sollte, wartet ein noch grausameres Schicksal...

In seinem ersten Kurzfilm "Because" hatte Tom Tykwer vor allem seine Fähigkeiten erprobt, Figuren zu charakterisieren, Sequenzen im Schnitt zu strukturieren und Schauspieler zu führen. "Epilog" ist viel stärker ein Kamerafilm – bis hin zum Versuch jener komplexen Kombination aus Zoom und Dollyfahrt, die als Hitchcocks "Vertigo"-Zoom in die Filmgeschichte einging. Man sieht, dass Regisseur und Kameramann die Geschichte zusammen entwickelt haben – erkennbar auch mit dem Ziel, dramatische Emotionen weniger durch die Aktionen der Schauspieler auszudrücken als durch ambitionierte und komplexe Fahrten. Der Einfluss des Kameramanns Michael Ballhaus, der die mehrfache Kreisfahrt damals bereits in einigen Rainer-Werner-Fassbinder- und Martin-Scorsese-Filmen zu seinem Markenzeichen ausgebaut hatte, ist unverkennbar. Dazu passt, dass Tykwer viel später die Gelegenheit wahrnahm, mit Ballhaus eine Art Interview- und Werkbuch ("Das fliegende Auge") zu erarbeiten, in dem eine große Liebe zur Magie der Kamera sichtbar wird. Diese Magie ist es, nach der Tykwer und Griebe hier bereits streben – noch roh und keineswegs perfekt, noch weit vom präzisen Einsatz der Mittel, von der fließenden Eleganz der späteren Filme entfernt. Aber eine Ambition ist auf jeden Fall spürbar, die später noch reiche Früchte tragen wird.

Cast & Crew

Cast

Thomas Wolff
Isis Krüger
Rainer
Nadja

Crew

Regie, Drehbuch, Musik
Kamera
Kameraassistenz

Schnitt
Ton
Mischung
Musik
Ausstattung
Maske
Special Effects
Regeiassistenz
Produktionsleitung
Produktion
Tom Tykwer
Frank Griebe
Thomas Höper
Susanna Salonen
Katja Dringenberg
Arno Wilms
Max Rammler-Rogall
Tom Tykwer
Sybille Kelber
Bi Meyer
Roland Tropp
Lih Janowitz
Peter Lichtefeld
Black Out Film
Entstehung

Tom Tykwer über…

...eine technische Herausforderung

Beim unserem zweiten Kurzfilm "Epilog" ging es für Frank Griebe und mich vor allem darum, ob wir das Technische diesmal besser in den Griff kriegen. „Because“, der erste Kurzfilm, ist schon sehr holprig gewesen. Diese ganzen Sachen, die wir im Kino wichtig fanden, diese bewegliche Kamera, eine Dreidimensionalität im Raum, Kreisfahrten, Figuren, die plastisch werden, indem die Kamera sich bewegt, nicht die Menschen - diese ganzen Ideen, die wir mit uns herumschleppten, mussten wir auszuprobieren

...Probleme mit dem "Vertigo"-Zoom

Besonders faszinierte uns die berühmte Zoom- und Dolly-Kombination aus Hitchcocks "Vertigo". Die haben wir immer wieder versucht, und eigentlich ist sie nie so gelungen wie bei Hitchcock. Das ist halt auch eine schwierige Sache: das Timing ist extrem kompliziert, die Synchronizität zwischen der Geschwindigkeit der Fahrt und der Geschwindigkeit des Zooms. Wenn die nicht genau stimmt, entsteht eine Art "Pumpeffekt".

Dasselbe Problem hatten wir später erneut bei „Lola rennt“, wo ich für die Szene im Casino, wo Lola schreit und die Kugel in die 20 zwingt, einen langen "Vertigo"-Effekt haben wollte. Frank hatte einen Spezialisten damit beauftragt, eine Maschine zu bauen, die das elektronisch steuert. Und es funktionierte auch zunächst sehr gut - bei den Tests. Beim Dreh selbst hat dann aber dieses verdammte Ding den Geist aufgegeben. Franka musste sich, glaube ich, zwanzig Mal die Seele aus dem Leib schreien, während Frank mit der Hand am Zoom versuchte, über diese lange Fahrtstrecke hinweg die Dynamik gleichmäßig zu halten - und eine Einstellung hat dann schließlich doch geklappt.

...einen einflussreichen Kamera-Magier

Wir beide waren – und sind - unter anderem sehr angetan von Michael Ballhaus, dem Kameramann. Damals war er einer der Inspiratoren für viele Fahrten in "Epilog" – natürlich neben Brian de Palma und vielen anderen. Weil er auch derjenige war, der besonders weit ging mit der flexiblen, der „entfesselten“ Kamera – und zwar lange vor der Ära digitalen Bildbearbeitung. Heute fliegt die Kamera ja oft völlig entfesselt durch die Gegend, nur wird das oft zu einem großen Teil im Computer gerechnet.

... die kreative Familie

Neben Frank Griebe, mit dem ich ja bisher jeden Film gemacht habe, kamen schon in jener Zeit immer mehr Leute dazu, die später zur kreativen Familie wurden. Peter Lichtefeld war zum Beispiel Produktionsleiter bei „Epilog“, dann Aufnahmeliter bei „Der Tödlichen Maria“, und schließlich hat er selbst einen Film gemacht: „Zugvögel“.

Auch die Cutterin Katja Dringenberg war von Anfang an dabei. Sie hat „Because“, „Epilog“, „Die Tödliche Maria“ und „Winterschläfer“ geschnitten. Dann bin ich Mathilde Bonnefoy begegnet - und auch daraus entstand eine langjährige Arbeitsverbindung, die von „Lola rennt“ über „Der Krieger und die Kaiserin“ und „Heaven“ bis zu „True“ reicht.

...die Suche nach einem Produzentenpartner

Nach den beiden Kurzfilmen habe ich weiter Spielfilmdrehbücher geschrieben, eins nach dem anderen, und immer versucht, sie bei Förderungen und Sendern einzureichen. Ich wusste aber gar nicht so genau, wo man überall einreichen muss; geschweige denn all die anderen Sachen, die so für eine Einreichung verlangt werden. Eigenkapital zum Beispiel, das hatte ich nicht - also dachte ich, brauche ich einen Produzenten. Ich habe dann auch viele Drehbücher an Produzenten geschickt, bekam sogar manchmal interessiertes Feedback, aber nie eine Zusage. So hab ich schließlich gedacht: Dann muss man es wahrscheinlich doch wieder selbst machen. Aber ich wusste auch, ich werde nie in der Lage sein, diesen ganzen bürokratischen Aufwand alleine zu bewältigen.

Man braucht ein Gegenüber, ein Pendant, ein psychologisches und natürlich auch ein räumliches Setting. „Epilog“ habe ich selbst bezahlt, und der hat dann schon wieder 40.000 Mark gekostet. Was einfach ein Haufen Geld ist, wenn man eigentlich kaum etwas verdient – und ein Geld, das auch die Bank nur sehr zögerlich herausrückt bei so einem mickrigen Einkommen.
Als ich dann aber endlich beim ZDF mit „Die Tödliche Maria“ einen ersten Fuß in die Tür bekam, sprach ich einfach Stefan Arndt, den ich als Kollege (und Konkurrent) als berliner Kinomacher kennengelernt hatte.Er hatte auch kein bisschen Geld, aber er sagte: gut, das machen wir jetzt zusammen. Und dann haben wir, ohne einen Pfennig Geld, nur mit geliehenem, eine GmbH gegründet, die „Liebesfilm GmbH“ – die dann ein Jahr später in „X Filme“ umgetauft wurde.

... einen folgenreichen Anruf

Eines Tages, nach all den vergeblichen Anläufen, war ein Anruf vom ZDF auf dem Anrufbeantworter: Ja, gut, wir wollen bei "Die tödliche Maria" mitmachen. Relativ spröde eigentlich, die Nachricht. Später hab ich erfahren, dass es in der Redaktionssitzung, als es um dieses Projekt ging, wohl sehr knapp war, und dass die redaktion gespalten dem Film gegenüber stand. Dann holte Liane Jessen, die Redakteurin, die Videocassette von „Epilog“ raus – und das hat dann den Ausschlag gegeben für eine knappe Mehrheit in der Abstimmung. Daran sieht man mal, was Kurzfilme so wert sein können.
Damals stand ich jedenfalls vor diesem Anrufbeantworter, und ich weiß noch genau, wie ich dachte: ok, ab jetzt wird alles anders. Und irgendwie war es auch so. Alles wurde anders.

Presse

Pressestimmen

Die Tageszeitung
11.12.1992

TAZ

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