True

(Kurzfilm)



Drehzeit 6. bis 9. August 2002
Drehorte Paris, 10. Arrondissement
Produzenten Maria Köpf, X Filme Creative Pool GmbH & Emmanuel Benbihy, Novem Productions
Uraufführung 8. Februar 2004, Internationale Filmfestpiele Berlin (Wettbewerb)
Kinostart 12. Februar 2004 (im Vorprogramm zu "Was nützt die Liebe in Gedanken")
Im Verleih von X Verleih AG



Inhalt

Seit dem Erfolg von Lola rennt war Tom Tykwer nicht mehr zum Atemholen gekommen – und als Heaven schließlich fertiggestellt war, forderte diese intensive Schaffensperiode nun ihren Tribut, auch im Privatleben. Das Ergebnis war eine tiefe künstlerische und persönliche Krise. "Ich war nicht nur erschöpft, ich fühlte mich praktisch tot", sagt er. In dieser Situation erreichte Tykwer das Angebot einer Pariser Produktionsfirma, sich mit einem Zehn-Minuten-Kurzfilm an dem Kompilationsprojekt "Paris, je t'aime" zu beteiligen. Die Geschichte sollte in einem der 20 Arrondissements von Paris spielen und von der Liebe handeln, weitere Vorgaben gab es nicht. Tykwer hatte dasselbe Angebot bereits zweimal abgelehnt – es blieben Zweifel an der Finanzierung. Nun aber schien ihm das Projekt wie ein Rettungsanker: Dies solle seine "Reanimation" werden, erklärte er seinen treuen Mitstreitern wie der Produzentin Maria Köpf und dem Kameramann Frank Griebe. Zwar fühlte er sich außerstande, von der Liebe zu erzählen – aber er sagte sich, dass er genauso gut vom Ende der Liebe erzählen konnte, das heißt im Grunde von seiner eigenen gescheiterten Beziehung. "Es sollte ein Film werden, der zwar sehr persönlich, aber eben nur fast privat ist", sagt er.

"True" beginnt mit einem jungen Mann namens Thomas, der offensichtlich blind ist und am Computer arbeitet. Er erhält einen Anruf von einer gewissen Francine, von der man zunächst nur die Stimme hört. "Hör zu", sagt sie. Sehr bestimmt. "Es gibt Zeiten, wenn das Leben nach Veränderung ruft wie nach dem Wechsel der Jahreszeiten. Unser Frühling war wundervoll. Aber der Sommer ist vorbei, schon lange. Den Herbst haben wir verpasst. Und jetzt ist es plötzlich kalt. So kalt, dass alles einfriert. Mein Herz hat aufgehört zu schlagen. Unsere Liebe ist eingeschlafen, und der Schnee hat sie überrascht. Wenn man im Schnee einschläft, fühlt man den Tod nicht kommen. Pass auf dich auf." Wachsende Verzweiflung spiegelt sich im Gesicht des jungen Mannes - und an diesem Punkt hält er es nicht mehr aus und wirft den Hörer auf die Gabel. Die große Liebe seines Lebens ist zu Ende. Völlig überraschend. Und so wie es heißt, dass im Augenblick des Todes das ganze Leben noch einmal vor dem inneren Auge abläuft, läuft nun die Geschichte dieser Liebe vor seinem inneren Auge ab.

Thomas (Melchior Beslon) wohnt im 10. Arrondissement, in der Nähe des Place de la République. Eines Tages, in einer ausgestorbenen Seitenstraße, hört er verzweifelte Rufe einer jungen Frau durch ein offenes Fenster. Es ist Francine (Natalie Portman), eine junge Amerikanerin, die offensichtlich für das Vorsprechen einer Szene probt. In der Hand hält sie ein Script. Das sehen wir, aber der blinde Thomas sieht es natürlich nicht. Er fragt, ob alles in Ordnung ist. "Ich probe, siehst du das nicht?" sagt Francine, bevor sie erkennt, dass er blind ist. Dann wird sie freundlicher und erzählt, dass sie gleich eine Prüfung am Konservatorium hat, und dass sie dieselbe Szene bereits in einem schlechten amerikanischen Film gespielt hat: Eine Prostituierte, die von ihrem Zuhälter eingesperrt wird, ihn später aber trotzdem heiratet. Thomas sagt ihr, dass sie die Prüfung schaffen wird – er hat schließlich jedes Wort geglaubt. Etwas verändert sich in ihrem Blick – sie ist von diesem jungen Mann fasziniert. In diesem Moment aber schlägt die Kirchturmuhr, und Francine realisiert, dass sie eigentlich längst beim Vorsprechen sein müsste. Thomas kennt eine Abkürzung und zeigt ihr rennend den Weg, während sein Blindenstock auf dem Pflaster tanzt. Zum Abschied macht er eine Geste, die fast so aussieht, als wolle er sie segnen – davon hat er, erzählt sein Voiceover, einmal in einem billigen Hörroman erfahren.

Nun beginnt eine atemlose Montage aus Voiceover, Bildern und Musik, die zeigt, dass Tykwer als Filmemacher keineswegs am Ende ist, sondern besser als je zuvor. „Den Gang der Gedanken filmen“ wollte er, nach einem alten Zitat von Godard. Und völlig entfesselt hat er in kürzester Zeit eine ganze Welt von Momentaufnahmen gedreht, die den Zauber dieser Liebe in tausend Facetten einfangen. Ein Team von zehn oder fünfzehn Leuten rannte praktisch durch Paris. Man ging einfach irgendwo rein, wo ein Platz reserviert war, und hat gedreht. Während die Kamera schon anlief, wurde noch die Schärfe gezogen, mehr Vorbereitung gab es nicht. Im Lauf zum nächsten Motiv hieß es: Jacke an, noch mal kurz die Haare zerwühlt, neue Frisur, Jacke aus, höchstens drei Sekunden Zeit. Es war ein Wechselbad der Gefühle: Im einen Moment war Natalie Portman tränenüberströmt, zehn Minuten später gab es eine Lachszene, dann mussten beide Darsteller in einen Swimmingpool springen. Wieder zehn Minuten später waren sie in einer Wohnung und drehten eine Sexszene. "Wir gerieten in eine Art Rausch, der irrsinnig befreiend war", sagt Tykwer.

Wie ein Rausch wirkt auch die Montage (geschnitten wie immer seit „Lola rennt“ von Mathilde Bonnefoy): wir sehen Francine noch einmal kurz beim Vorsprechen, dann geht alles Schlag auf Schlag. Ein Flugzeug, Boston – Paris. Umzugskisten. Francine und Thomas auf dem Balkon der neuen Wohnung, Rue Faubourg St. Denis. Auf einer Seine-Brücke. In einer Bar. In seiner Übersetzer-Schule. Bei seinen Eltern, großbürgerliches Interieur. In der Metro. Das Voiceover ist eine Ode an Francine, Thomas spricht sie direkt an: "Deine Lieder. Deinen Hoffnungen. Deine Wünsche. Deine Musik. Mein Italienisch, mein Deutsch. Mein schlechtes Russisch. Jede Woche trugst du ein anderes Parfum, aber da war immer ein Hauch von Vanille." Menschen im Zeitraffer, ein Platz, die Metrostation "Stalingrad", nur die beiden stehen still, umarmen sich. Küssen sich. "Die Zeit verging, verflog. Alles schien so leicht und einfach, so frei und einmalig. Ab und zu hast du geschrieen, mit Grund oder ohne Grund." Francine brüllt Tauben im Park an. Francine schreit im Kino. Francine schreit ihren Orgasmus heraus. "Ja, manchmal hattest du einen Grund."

Nun aber schleichen sich Wiederholungen ein, in die Bilder und in den Text – genau wie sich Muster in Beziehungen einschleichen, Muster, die manchmal alles zerstören. Die Perspektive verschiebt sich ein wenig, dieselben Bilder, die gerade noch von Glück erzählt haben, scheinen plötzlich etwas anderes zu erzählen. Wieder stehen sie allein, während die Menschen im Zeitraffer um sie herumschwirren – nun aber Rücken an Rücken. In der Blindenschule trennt sie plötzlich eine Glasscheibe. Der Plattenspieler auf dem Balkon dreht sich plötzlich allein. Am Ende bleiben Bilder und Texte beinah hängen, wie eine Platte, die einen Sprung hat. "Meine Examen. Meine Examen. Meine Examen. Du schriest. Du schriest. Du schriest.“ Menschen im Zeitraffer, nun ganz ohne das junge Paar. Das Leben geht weiter. Thomas sitzt im Kino, in dem billigen Film, in dem Francine eine Prostituierte spielt. Die Szene vom Anfang. Er weint. "Verzeih mir, Francine."

In wenigen Minuten alles einzufangen, was die Liebe für ihn, in diesem Moment, bedeutet – das war Tykwers ehrgeiziges Ziel. Und es gelingt – nicht zuletzt auch dank der Darsteller. Natalie Portman, sagt der Regisseur, “ist eine von diesen jungen Schauspielerinnen, bei denen man immer sich fragt, woher weiß die das alles, was sie da spielt. Obwohl sie noch so jung ist und diese Erfahrung eigentlich gar nicht gesammelt haben kann." Darin sei sie Franka Potente ähnlich, fährt er fort – ein Spiegel, in dem er sich auch selbst sehen kann, obwohl er zwanzig Jahre älter ist. Dasselbe galt für Melchior Beslon. Durch seine Blindheit habe er einen Erfahrungskosmos, der viel intensiver sei als der anderer Männer in seinem Alter. "Die beiden waren ein explosives Gespann", sagt Tykwer. "Und ich dachte, sie können vielleicht sogar in zehn Minuten das vermitteln, was eigentlich die Zeit eines kleinen Lebens bräuchte."

Das Telefon klingelt wieder, Thomas schreckt auf. Er sitzt noch immer in dem Zimmer, wo er schon am Anfang saß. Francine ist wieder am Apparat. "Hast du aufgelegt?" fragt sie. Und will sie wissen, ob der Text überzeugend klang. Sie hat, wieder einmal, nur geprobt: die Szene einer Trennung. Viel zu melodramatisch in ihren Augen, aber der Regisseur will es so. Thomas ist sprachlos. Er hat dem (Liebes)Tod ins Auge gesehen und ist ihm noch einmal von der Schippe gesprungen. Francine plappert weiter, sorglos und fröhlich, und er sagt gar nichts. Schließlich fragt sie, ob er überhaupt zuhört, und er sagt: "Nein. Ich sehe dich." Und die Zuschauer erinnern sich an Francines Anfangsmonolog, der tatsächlich ein wenig falsch klang, ein wenig zu dramatisch, ein wenig nach Papier. Plötzlich ist alles klar: Ein kurzer, heftiger Schock, eine dramatische Erinnerung an den Wert der Liebe. Natürlich steckt auch eine Utopie in diesem Ende – auch wenn das Leben solchen Trost nur allzu selten bereithält. Aber gerade deshalb, sagt Tykwer, darf diese Aufgabe dem Kino zufallen. In diesem kurzen, befreienden Film hat er es noch einmal neu für sich definiert: "Ein Ort, der einem Hoffnung gibt. Der neue Möglichkeiten eröffnet über Inspiration und Reflektion. So möchte ich es sehen."

Story

Ein Telefon klingelt, Thomas schreckt auf und tastet nach dem Hörer. Er ist blind. Laut schlägt ihm eine Frauenstimme entgegen. Es ist Francine, seine Freundin. Sie sagt ihm, dass sie ihn verlassen wird. Der Hörer fällt wieder auf die Gabel. Seine Gedanken rasen in einem Bildersturm durch die Erinnerungen vom Kennenlernen, zu den Momenten größter Nähe und zu den Momenten, in denen jene kleinen Fehler begangen werden, die dazu führen, dass sich Menschen wieder voneinander entfernen. Doch Thomas erhält eine zweite Chance.

Cast & Crew

Cast

Natalie Portman
Melchior Beslon
Francine
Thomas

Crew

Producer
Unit Production Manager
Postproduction Supervisor
Legal and Business Affairs X Movies
Production Accountant X Movies



Executive Producers of Paris, je t'aime



Line Producer Paris, je t'aime
Production Supervisor
Production Accountant
Production Manager
Assistant Production Manager
Sponsoring Executive
Production Assistants








Writer / Director
First Assistant Director
Second Assistant Director
Third Assistant Director
Assistant to Tom Tykwer
Script/Continuity
Extras Casting

Director of Photography
2nd Unit Camera
Focus Puller
2nd Unit Focus Puller
Assistant Camera
Assistant Camera

Editor
Assistant Editor
2nd Assistant Editor
Additional Assistant Editor

Editing Facilities



Production Designer
Prop Master
Set Builder
Assistant Art Director
Painters


Costume Designer
Assistant Costume Designer

Make-Up Artist / Hair Designer

Music composed by



Additional Programming
Nursing

Sound Recordist
Additional Sound Recordist
Sound Assistant

Rerecording Mixer
Sound Designer

VFX & Digi-Lab
VFX Producer
Digital Colorist
Telecine Assistant
Inferno Artist



Digital Laser Film Recording

Supervisor ARRI Laboratories

Chief Electrician
Electrician
Machiniste Construction

Making Of
Realisateur Making Of
Sound Assistant Making Of

Camera equipment
ARRI Lab representative in Munich
Film Stock
Electric material
Grip
Insurance
Sound equipment
Walkie-Talkies
Minibus
Making of equipment
Maria Köpf
Britta Knöller
Larissa Trüby
Andro Steinborn
Klaus Flesch, Film Kontor Services
Cordula Herrmann


NOVEM Productions
Emmanuel Benbihy,
Mel Gee Henderson

Frédéric Carné
Patrick Gordon
Cecilia Bouteloup
Michel Bazinet
Guillaume Husson
Eve Moreau
Patric Picard
Adrien Beaumont
Yann Le Borgne
Morgan Lesne
Elodie Marx
Jean Yves Peron
Mathieu Rocaboy


Tom Tykwer
William Pruss
Stephanie Champault
Vanessa Mujica
Larissa Trüby
Valentine Traclet
Sebastien Baldino

Frank Griebe
Thomas Frischhut
Christian Almesberger
Frédéric Batier
Nicole Nullmeyer
Rafael Jeneral

Mathilde Bonnefoy
Antje Zynga
Nicolas Borzeix
Markus Soeder

Concept AV, Berlin
Stefan Engelkamp,
Susanne Schwarz

Bettina von den Steinen
Pascal Mermet-Guyenet
Herve Delaroue
Pascal Lavoue
Dalila Kerrar
Maryse Saint Maur

Pierre Yves Gayraud
Tassadite Hammami

Sabine Lidl

Tom Tykwer
Johnny Klimek
Reinhold Heil

Gabriel Isaac Mounsey
Nanni Jacobson

Jacques Pibarot
David Ansalem
Francois Domerc

Matthias Lempert
Dirk Jacob

ARRI Film & TV
Dominik Trimborn
Birgit Steffan
Simon Thomas
Stefan Tischner
Florian Decker
Michael Lanzensberger
Klaus Wuchta
Alex Klippe
Sascha Stiller
Josef Reidinger

Alain Dondin
Benjamin Prevost
Herve Delaroue

Houman Lahmi
Violaine Bellet
David Ansalem

ARRI Rental
Josef Reidinger
Fuji Film
Transpalux
Car Grip Fims
Les Assurances Continentales
DCA
Le Bras Communications
PLS
Caliop 13
Entstehung

Entstehung des Films

Wie kam es dazu, dass Sie heute von "True" als einer Befreiung sprechen?

Als ich dieses Projekt in Angriff nahm, war ich in einer schweren kreativen und auch persönlichen Krise. Ich war sehr erschöpft und voller Zweifel. Meine Wiederbelebungstherapie war „True“. Ich wollte schauen, ob ich das überhaupt noch kann. Und ob ich als Filmemacher noch etwas zu sagen habe - und wenn ja, was.

Das Angebot war, eine kurze Geschichte über eines der Pariser Arrondissements zu erzählen.

Es gab zwei Vorgaben: Du musst in diesem einen Bezirk von Paris drehen, und es muss irgendwie um Liebe gehen. Meine persönliche Lage damals war allerdings so, dass ich sagte: Ich hab überhaupt keine Ahnung von Liebe, ich weiß nur etwas vom Ende der Liebe. Also dachte ich mir, dann muss ich einen Film über Trennung machen. Einen Film, der persönlich, fast privat ist - eigentlich über jede Grenze hinaus, die ich normalerweise verteidigen würde. Weil er sich eben ganz konkret mit Konflikten beschäftigt, die zu der Zeit maximal virulent für mich waren. Ich hab nichts anderes gemacht, als eine private Trennungserfahrung in eine andere Geschichte zu übersetzten. Ich steckte in der retrospektiven Auseinandersetzung mit einer Beziehung und einem Lebensabschnitt. Und durch die künstlerische Bearbeitung konnte ich plötzlich Zwischenräume entdecken, die ich bisher übersehen hatte. Darin fand ich ein paar Antworten, denen ich mich die ganze Zeit verweigert hatte. Und auch die Erfahrung von "Heaven" steckte mir in den Knochen.

Wie würden Sie diese Erfahrung beschreiben?

Auf eine bestimmte Weise war es eine monströse Veranstaltung. Als ich "Heaven" anfing, dachte ich: Was soll groß passieren, das ist ja über weite Teile ein Kammerspiel. Aber wir haben nach amerikanischen Standards gedreht, und das war neu für mich. Da konnte es passieren, dass ich eine Szene in einem Zimmer hatte, zum Beispiel mit Cate Blanchett, die eine Bombe bastelt. Anwesend waren der Kameramann Frank Griebe, der Beleuchter, der Tonmann, der Regieassistent und ich. Und dann schaute ich auf das Papier der Dispo, sah 243 Personen aufgeführt und dachte mir: Wo sind die denn alle? Wieso jetzt 243 Menschen? Wir drehen doch einfach nur eine Figur, die noch nicht mal spricht, in einem Zimmer. Aber es war ein Film innerhalb des amerikanischen Starsystems, und da gibt es bestimmte Zusammenhänge, die man akzeptieren muss. Die stören mich eigentlich auch nicht. Aber ich habe gemerkt, dieser Überbau, der muss nicht sein. Ich wollte immer noch in der Lage sein, einen Film zu machen, bei dem ich eine ganz andere Spontaneität und eine Geschwindigkeit beim Drehen entwickeln kann, die mit so einem Apparat überhaupt nicht möglich ist.

Das wurde der Plan für "True"?

Ja. Frank Griebe, mein Kameramann seit dem ersten Kurzfilm, war wieder einmal ein wichtiger Befreier in diesem Kontext, weil er sagte: Ja, lass uns das machen. Lass uns das doch mal ganz anders drehen. Er hatte inzwischen auch Erfahrungen mit anderen Filmemachern gesammelt und war ziemlich experimentell unterwegs. Und ich wollte gern einen Film machen, der den Fluss der Erinnerungen auf die Leinwand bringt, im Sinne von Godard: „Den Gang der Gedanken filmen“. Den Fluss der Erinnerungen festhalten in einem ganz kurzen, kompakten, schockartigen Momentfilm. Ich wollte den Schock einer Trennung, den der Film beschreibt, erzählen wie einen kleinen Tod. Einen Moment, in dem das ganze Leben, –nein, die ganze Liebe- noch einmal ganz schnell an einem vorbeizieht. Und man daran auch sieht, was wichtig war und was nicht. Aus der Summe der Bilder filtert sich eine subjektive Erkenntnis: So war das, so war ich, so ist es passiert.
Diesen Vorgang wollte ich in "True" zeigen. Das war natürlich sofort wieder ein völlig maßloses Unterfangen, weil wir nur wenig über 100.000 Euro hatten, um den Film zu machen. Maria Köpf, die Produzentin, hat aber auch gesagt: Komm, das machen wir jetzt einfach. Und ich dachte: Das ist mein Rettungsanker. Ich wollte ganz bestimmte junge Schauspieler dafür haben, mit dieser Aura von "Alles geht noch". Denen man einerseits diese Idee eines Neuanfangs abkauft, die aber auch eine Tiefe vermitteln können – was junge Darsteller nur ganz selten können. Ich wollte, dass sie wirklich von Liebe etwas ganz Grundsätzliches verstehen. Und Natalie Portman, die ich schon lange toll finde, konnte das.

Können Sie ihre Qualität genauer erklären?

Sie ist eine von diesen jungen Schauspielerinnen, bei denen man immer sich fragt, woher weiß die das alles schon, was sie da spielt. Und wieso hat die überhaupt ein Bewusstsein von bestimmten Blicken und dem, was sie bedeuten können, obwohl sie noch so jung ist und diese Erfahrung eigentlich noch gar nicht gesammelt haben kann. Aber sie ist eben eine von diesen wundersamen Erscheinungen, die man bei Schauspielern manchmal erlebt. Sie haben einfach ein unbewusstes Wissen vom Menschlichen, das uns allen voraus ist. Sie wissen eigentlich schon alles. Und sind auf diese Weise auch schon alt, obwohl sie noch jung sind. Auch Franka Potente ist so eine Schauspielerin.
Und das ist natürlich irre, weil Du dann mit einer Physis arbeiten kannst, die etwas ganz anderes verspricht - aber trotzdem die zwanzig Jahre, die Du schon mehr auf dem Buckel hast, mit unterbringen kannst. Dasselbe gilt für Melchior Beslon, der wiederum in seinem Blick das gar nicht unterbringen kann, weil er blind ist. Aber durch seine Blindheit hat er einen Erfahrungskosmos, der unglaublich intensiv ist. Er ist ein hochgradig intensiver Mensch, weil er zehntausend Mal mehr Aufmerksamkeit braucht, um die Welt für sich zu vereinnahmen, als wir. Die beiden waren ein explosives Gespann. Und ich dachte, sie können vielleicht sogar in zehn Minuten das vermitteln, was für mich jetzt gerade ein ganzes Leben bedeutet.

Ein hoher Anspruch.

Ich bin auch fast gestorben vor dem ersten Drehtag, weil ich dachte: Wie mach ich das jetzt bloß? Ich hab dann auch in den ersten zwanzig Minuten alles falsch gemacht. Ich hatte die ganze Nacht davor wirklich nicht geschlafen, und auch den Versuch irgendwann aufgegeben und nur wach gelegen und gedacht: Wenn ich’s jetzt nicht mehr kann, kann ich’s wirklich nicht mehr. Völlig idiotisch natürlich, sich so unter Druck zu setzen. Dieser Druck ist allerdings auch in dem Film drin und gleichzeitig die Befreiung, die dann kam. Und es war wirklich eine Befreiung. Wir haben uns selbst gezeigt, dass alles geht. Frank Griebe an der Kamera war völlig entfesselt und total befreit von allen Dogmen, kein Aufbauen, kein Vorleuchten, nichts. Wir hatten ein Team von zehn oder fünfzehn Leuten, wir sind durch die Stadt gerannt, sind einfach irgendwo reingegangen und haben gedreht. Natürlich war es vororganisiert, es war ein Platz für uns reserviert und so weiter, aber wir konnten reingehen, uns hinsetzen - und los ging's.

Und die Schauspieler haben das hinbekommen?

Sie hatten keine andere Wahl! Während die Kamera schon anlief, wurde die Schärfe gezogen, mehr Vorbereitung gab es nicht. Und im Rennen zum nächsten Motiv war die Ansage: Jacke an, andere Jacke an, noch mal kurz die Haare zerwühlt, neue Frisur, höchstens drei Sekunden Zeit. Nachschminken während die Kamera schon wieder läuft, drehen. Es war ein Wechselbad der Gefühle: Im einen Moment war Natalie wirklich tränenüberströmt, zehn Minuten später gab es eine Lachszene, dann mussten beide Darsteller in einen Swimmingpool springen. Wieder zehn Minuten später waren wir in einer Wohnung, wo wir ein Bett aufgebaut hatten, und drehten eine Sexszene. Das war wie ein kleiner Rausch, der sehr befreiend war - kreativ und auch emotional.

Die Worte, die Natalie am Anfang zu Melchior spricht, klingen wie die Worte einer realen Trennung. Sind sie biographisch?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe ganz bewusst für diesen Abschiedsmoment etwas Prosaisches gesucht, weil es ja auch darum gehen soll, dass es sich von Anfang an ein bisschen unecht anhört. Und dass man denkt, das klingt ja irgendwie ausgedacht. Wenn man wirklich in einer Trennung ist, schaut man sich selbst ja auch von außen zu und denkt: Das machen wir jetzt wirklich? Wir trennen uns jetzt? Man guckt von außen zu, während man gerade in den Abgrund stürzt. Meine Trennungen waren aber immer völlig anders als in "True". Ich habe mich zum Beispiel in meinem Leben noch nicht am Telefon getrennt. Das geht ja irgendwie auch nicht. Nur das Gefühl, dass ich in dem Film beschreibe, das ist mir sehr vertraut.

Und dennoch gibt es - soviel muss verraten werden - ein Happy End.

Das ist für mich so eine Art Verpflichtung dem Kino gegenüber, dass ich sage: Selbst wenn die Wirklichkeit uns nicht immer so etwas zu bieten hat, muss das Kino uns diese Option schenken. Wir haben selbst in diesem kurzen Film einiges durchgemacht und die beiden Figuren durch alle Täler und durch alle Höhen gehen sehen. Und ich finde, im Kino kann man sich dann immer noch entscheiden, wie es weitergeht. Wir alle wissen, dass es in der Wirklichkeit vielleicht nicht mehr weitergeht. Obwohl es vielleicht eine Möglichkeit gäbe, denn der Mann in dem Film erkennt, was er alles falsch gemacht hat. Im Leben wird einem das eher nicht geschenkt. Im Kino aber würde ich immer dazu tendieren, einer Figur diese Chance zu geben - weil das Kino nicht umsonst auch manchmal eine Wunschmaschine genannt wird.
Ich finde, wir können uns im Kino mit allen Härten auseinandersetzen. Aber es sollte gelegentlich auch in der Lage sein, Trost zu spenden.. Man sollte es sicherlich nicht unbedingt als Therapieort benutzen - aber es ist ein Ort, der einem Hoffnung gibt und über Inspiration und Reflektion neue Möglichkeiten und Chancen eröffnet. So möchte ich es sehen. Ich möchte nicht vom Kino dem Leben gegenüber demotiviert werden.

Presse

Pressestimmen

Frankfurter Allgemeine Zeitung
7.2.2002

Tagesspiegel

Tagesspiegel

1.2.2004

FAZ

Süddeutsche Zeitung
7.2.2002

SZ

Die Welt
11.2.2004
0

Die Welt

Berlin Live
11.2.2004

Berlin live

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